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SubCulture Editorial Mai 2008

Nicht nur Kahn der Titan hat einen Philosophiekurs für Anfänger belegt, wie der aufmerksame Verfolger des bayrischen Ensembles rund um den altersmilden Grobian im Laufe der Saison bemerkt haben dürfte. Neulich bin in einem Club von einer betrunkenen Berufsbekanntschaft abgefangen worden. „Ich möchte dir eine Frage stellen: Um was geht es im Leben?“

Oh Shit. Zuerst bin ich an meinem Wodka erstickt, dann rückwärts die Treppen runter.

Sicherlich eine Frage, die man immer wieder stellen kann, abends in urigen Stadtteilkneipen mit viel dunklem Holz, nach dem dritten Bier, vorausgesetzt man trinkt Bier, ist 18, geht aufs Gymnasium, will die Klassendiva flachlegen oder hegt Zweifel am Sinn des Doppeleinkommens seiner Arzteltern, am Cannstatter Wasen sowieso, wo die Altersgenossen herumlungern, und rutscht so mir nichts dir nichts in seine erste melancholische wie qualvolle Selbstfindungskrise. Liebe Abiturenten, es wird alles nur schlimmer. Aber leichter macht man es sich, wenn man über so einen Käse erst gar nicht nachdenkt.

Neulich bei meinem Opa, 81, zack, weg, hab mir zwar auch kurz überlegt, du Armer, als junger Kerl Heimatvertriebener, in Deutschland als Maurer angefangen, Haus mit eigenen Händen gebaut, dann Maschine, dann Rente, dann schwer krank, aus die Maus, da bleibt von außen betrachtet unter dem Strich mehr Leid als Glück.

Auch wenn ich trotzdem stark vermute, dass Opi mit sich seinen Frieden gemacht hat – seine liebste Zeit im Jahr war der Herbst, da hat er seinen eigenen Wein gekeltert und mir mal alles darüber erklärt – hab ich seit langen Mal wieder kurz sinniert und reflektiert, aber schon wieder während der Zeremonie das Christentum einmal weniger verstanden. Die Erlösung, die letzte Reise, ab geht’s nach oben, juhu, endlich und so weiter, also dann doch lieber der dumpfe Alltag mit all seinen Problemchen.

Vorausgesetzt man wird aus dieser Dumpfheit nicht unsanft geweckt, wie ich an diesem Abend von diesem Mensch, just ein Tag nach der Beerdigung. Nur blöd, dass mir in solchen Situationen, die allein für mein geschundenes Gehör sehr schnell anstrengend werden können, die nötige Schlagfertigkeit fehlt und ich dann meist irgendeinen Krampf rausbröckel.

Im Nachhinein wären mehrere Antworten logisch gewesen und hätten den Hobbyphilosoph wahrscheinlich ruhig gestellt: A) die christliche Variante, dass man in den Himmel kommt, b) die Til Schweiger-Lösung, dass man einmal das Meer sieht, c) mein Ziel, ein gemeinsames Foto mit Jay-Z und Beyoncé auf ihrer Hochzeit und d) geh mir nich aufn Sack.

Aber was sag ich? „Dass man sein Ding macht.“

Wow. Das hätte sogar Thomas Doll (Bundesliga-Trainer, ebenfalls permanent auf Sinnsuche) mit dem seinem besten traurigen Hundeblick aus seinem großen Traurigen-Hundeblick-Repertoire eleganter gelöst.

Ich muss unbedingt an meinem Killerinstinkt arbeiten, der Abschluss muss besser sitzen, spontane, blitzgescheite Antworten, die starkes Selbstbewusstsein demonstrieren. Ging letzten Samstag schon wieder schief. Ein befreundeter Barmann überfordert mich folgendermaßen: „Wenn man Kappen trägt, bekommt man früher Haarausfall!“ Äh, ja, hm, aber trag nur am Wochenende eine. Mein Kopf fühlte sich in diesem Moment an, als wäre aus meinen Geheimratsecken eine riesige Glatze mutiert.

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